Senkungen - nicht nur eine Alterserscheinung

Verfasst von Annemarie Heyn und Ulrike Schneider

Was ist eine Senkung?

Von einer Senkung (lat. Descensus) wird gesprochen, wenn sich die Lage der Beckenorgane verändert. Die Blase, Gebärmutter oder Teile des Darms senken sich nach unten ab.

Es wird unterschieden zwischen einer Absenkung der Blase (Zystozele), der Harnröhre (Zystourethrozele), des Mastdarmes (Rektozele), des Dünndarms (Enterozele) und der Gebärmutter (Uterozele).

Je nach Organbeteiligung und Ausmaß wird die Senkung unterschiedlich benannt und in 4 Schweregrade eingeteilt. Zur Diagnostik werden POP Q Untersuchung (manuelle Tastuntersuchung), Ultraschall und Magnetresonanztomographie (MRT) eingesetzt.

Die Senkung kann fortschreiten oder nicht, sie kann vorübergehen (häufig nach der Geburt eines Kindes) oder stagnieren. Bei 30 Prozent aller Frauen unter 45 Jahren, die ein Kind geboren haben, wird eine Absenkung der Organe diagnostiziert. Da eine leichte Senkung (Grad I) auch beschwerdefrei sein kann, liegt die Anzahl der tatsächlich betroffenen Frauen wahrscheinlich höher.

Wie kann sich eine Senkung äußern?

  • Fremdkörpergefühl/ Druckgefühl in der Scheide
  • Verändertes Harnverhalten (Harnverlust oder Harnverhalt)
  • Gestörte Darmentleerung
  • Schmerzen im Becken
  • Sexuelle Beschwerden

Wodurch kann eine Senkung entstehen?

  • vaginale Geburten / Geburtsverletzungen
  • Schwangerschaften
  • Schwäche der Bindegewebsstrukturen und der Muskulatur rund um den Beckenbereich (Beckenboden)
  • schwere körperliche Arbeit
  • chronischer Husten
  • Übergewicht
  • Schnelle Gewichtsabnahme
  • Nervenverletzungen

Wie wird eine Senkung behandelt?

Bei einer Senkung Grad I-II und als Prophylaxe steht die konservative Behandlung an erster Stelle.

  • Ein erster Schritt ist die Reduktion der Risikofaktoren, wie z.B. die Vermeidung einer Druckerhöhung im Bauchraum. Diese passiert z.B. beim Pressen auf der Toilette, beim Husten und bei schwerer körperlicher Arbeit. In der Physiotherapie lernen sie eine aufrechte Körperhaltung und eine, die Beckenbodenmuskulatur aktivierende und Becken- und Bauchorgane stützende Arbeitshaltung einzunehmen (beim Tragen, Bücken…). Sie lernen, wie Sie das Pressen auf der Toilette vermeiden können und eine beckenbodenschonende Hustentechnik.
  • Eine moderate Gewichtsreduktion wirkt sich positiv auf den Therapieerfolg aus.
  • Ein gezieltes Training der Beckenbodenmuskulatur unter Anleitung einer/s speziell geschulten Physiotherapeut:in bringt einen besseren Trainingserfolg als nur das selbständige Üben nach unspezifischen Anleitungen. Das Beckenbodenmuskeltraining kann auch durch gerätegestützte Therapie erweitert werden.
  • Osteopathische Behandlungen, können den Trainingserfolg unterstützen und Beschwerden lindern. Über die Bauchdecke und durch die Scheide bzw. After werden Spannungen an Organen sowie ihren Aufhängungen und an Faszien gelöst.
  • Ihr/e Gynäkolog:in kann Ihnen eine passive Stütze, die in der Scheide getragen wird (Pessare), anpassen.
  • Manchmal wird Ihr/e Gynäkolog:in eine lokale Östrogenbehandlung empfehlen.
  • Die Chancen, dass sich ihre Senkung nicht verschlechtert und Sie zufrieden damit leben können, sind sehr hoch, wenn es Ihnen gelingt, die Ursachen zu reduzieren und Sie regelmäßig über 3-6 Monate Ihre Beckenbodenmuskeln stärken.

Bei höhergradigem Befund oder Komplikationen muss das weitere Vorgehen mit Ihrem behandelnden Arzt besprochen werden.

Sie haben es in der Hand – unsere effektivste Übung für Sie:

Für das Üben in der Brücke legen Sie sich auf den Rücken, stellen Ihre Füße hüftbreit auf und legen die Hände auf Ihren Bauch. Die Fingerkuppen berühren den oberen knöchernen Rand des Schambeins. Mit dem Ausatmen spannen Sie Ihren Beckenboden an. Gleichzeitig üben Sie mit Ihren Händen auf dem Unterbauch einen sanften Druck in die Tiefe und einen leichten Zug nach oben (kopfwärts) aus. Mit dem Einatmen entspannen Sie den Beckenboden und lassen Ihre Hände sanft auf Ihrem Bauch liegen und spüren dabei das Heben der Bauchdecke. Wiederholen Sie das für 5-10 Atemzüge.

Für die nächsten 5-10 Atemzüge heben Sie mit der Ausatmung zusätzlich das Becken von der Unterlage hoch. Mit dem Einatmen das Becken wieder auf dem Boden ablegen.

Zum Schluss bleibt das Becken für mehrere Atemzüge in der Luft (= Brücke). Der Beckenboden bleibt dabei maximal angespannt, und die Hände auf Ihrem Bauch können den sanften Druck in die Tiefe und den leichten Zug kopfwärts halten.

Es empfiehlt sich bei einer stärkeren Senkung alle Kräftigungsübungen für den Beckenboden in einer „Umkehrposition“ zu machen, wobei das Becken an höchster Stelle ist. Bei milderen Senkungsformen sollte für eine effektive Kraftsteigerung auch in einer aufrechten Position (gegen die Schwerkraft) trainiert werden.

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Quellen:

Price N/ Dawood R/ Jackson SR 2012: Pelvic floor exercise for urinary incontinence (syst. Literature review): 70% Verbesserung der Symptome nach 3 Monaten
Morkved S/ Bo K: European Urology Review 2009- Cochrane database: Evidence for PFMT during pregnancy and after childbirth: Beckenboden- Krafteffekt erst nach 3 Monaten- Je intensiver das Programm, desto größer der Therapieeffekt
Hagen et al 2013: Individualised pelvic floor muscle training in women with pelvic organ prolapse (POPPY): a multicentre RCT: Besserung durch individuell geleitetes Training, nicht aber durch Broschüre alleine.
Bogner D: EJOR 2019 – Osteopathic treatment of the genital descensus and its accompanying symptoms in women. A comparative pilot study of osteapathy and electrostimulation/ biofeedback for the pelvic floor: deutlicher Kraftzuwachs der Beckenbodenmuskeln und der Senkung nach 6 Monaten, wenn zusätzlich 4-6 osteopathische Behandlungen, weitere Verbesserung der Senkung